Ein Wald verschwindet: Schere versus Bagger    oder               Requiem für den bambuswald

Als wir vor 25 Jahren ddn ersten Bambus pflanzten, geschah dies nach reiflicher Überlegung.

Das Hanggrundstück war durch intensive Bewirtschaftung stark erodiert. Wir pflanzten an diesen Stellen Bambus, da er durch sein reiches Wurzelwerk das Erdreich festhält. Das hat wunderbar funktioniert. Der Bambus fühlte sich auch wohl und belohnte uns mit immer kräftigeren, dickereren und längeren Stangen. 

Es entstanden 3 kleine Bambushaine, die Sommer wie Winter mit ihrem dichten Grün Mensch Tier erfeuten.

Ein zentraler Gedanke war seine Qualität als nachwachsender Rohstoff. Keine andere Pflanze ist so vielseitig wie Bambus, ob als Baumaterial für Leichte Bauwerke, Armierung für Leichtbeton, Flechtwerk für Fachwerk, ob als Tierfutter oder Delikatesse oder.... Seine Möglichkeiten sind schier unbegrenzt und noch immer werden neue Verwendungsmöglichkeiten gefunden.

2015 entdeckte das Amt für Naturschutz unsere Wäldchen und ordnete die sofoertige Rodung an.

 

Eigentlich sollte der Bagger zum Einsatz kommen! So ist die Empfehlung des Bundesamtes für Naturschutz. Erfahrungsgemäß gäbe es keinen anderen Weg.

Nicht auf unserem Grundstück! über 20 Jahre hat dieser Garten keine Berührung mit mehr als Säge und Sense gehabt. Ein feinteiliges Ökosystem hat sich in den Bambuswäldchen gebildet, viele Pflanzen haben sich hier ihren Platz gesucht, noch klein, aber schon vorhanden. Jede Menge Tiere leben hier: Nager, Vögel, Insekten, Amphibien und Reptilien in Höhlen und Nestern, zwischen Ästen und Wurzeln.

Das sollen wir brutal zerstören lassen, weil auf dem Papier steht, dass Bambus ein Neophyt ist und nicht hierher gehört?

Ich soll ihn ausrotten , ausmerzen, vernichten... lieber ein kurzer schmerzvoller Eingriff - mit einer eisernen Baggerschaufel an dem Wurzelwerk herumzerren und reißen, bis die letzte Wurzel sich aus dem Boden gelöst hat,  auch wenn es wieder 20 Jahre dauert, bis sich die Natur erholt hat...lieber ein Ende mit Schrecken ....

 

Mit der Schere und einer japanischen Bambussäge trete ich an.  Ein anderer Weg, der sanftere, zumindest für die umgebende Pflanzen- und Tierwelt. 3 Jahre habe ich Zeit.

Der erste Schritt ist der für mich schmerzhafteste: Die endlich so schönen, dicken, kräftigen Bambusholme abschneiden, bis kein einziger mehr an seinem Standort steht. Restlos abschneiden.

Ein Teil der Bambuswäldchen: Phyllostachys bambusoides "Castellonii" , Phylostachys bamusoides, Phyllostachys nigra.

Phyllostachys nigra henonis, Bashania fargesii und ein paar deren Namen ich nicht kenne, sie heißen der Bambus aus Saint Jaqcue, aus Caulnes, aus Niederzissen. 

Bambus, so sagte mir eine Dame aus Naturschutzkreisen, sei allein deshalb nicht wünschenswert, weil keine einheimischen Tiere dort lebten. 

Gerne wüsste ich, wer diese Nester gebaut hat - nur 3 von 10, die ich bisher fand. 

Abgesehen von den dicken alten Spinnenweben in den Abzweigungen, den Höhlenlandschaften unter den Wurzeln und den unzähligen Insekten in der dicken Laubschicht auf dem Boden, ein Paradies für unsere Hühner, die dort den ganz Tag eifrig scharrten und pickten...

 

Während ich die hohen, dicht miteinander verschränkten Holme abschneide und entaste,  geht die Sonne allmählich unter und mit einem mal beginnt es in dem Blattwerk zu rascheln und zirpen, zwitschern und schnattern: die Vögel suchen ihren Schlafplatz auf. Im Halbdunkel kann ich nicht erkennen, sind es Stare oder Amseln, Drosseln? und einige kleine Vögel ebenso, die immer wieder aufgeregt aus dem Gestrüpp herausflattern und wieder von neuem einen Platz suchen - denn ich habe ihre Schlafplätze gefällt.

 

Wo sollen sie jetzt im Winter unterkommen? - Der Bambus mit seinen hohen, glatten Stämmen und dem dichten immergrünen Blattwerk, bietet hervorragenden Schutz gegen tierische Jäger, Schnee und Kälte, Wind und Regen!

Sollte ich also besser mit dem weiteren Abbau warten, bis die kalte  Zeit vorüber ist? 

Ich habe tatsächlich etwas gewartet, bis die eisigen Winde vorbeigezogen waren. Ende Februar fällte ich den Wald komplett.

 

Vorher

Ein Stückchen Sommer bedeutete für uns der Bambus, der mit seinem lichten, smaragdgrünen Laub auch im Winter eine Augenweide war. 

Holm für Holm wird mit der Säge so nah wie möglich am Boden abgeschnitten und entastet.

 

nachher

Als wäre er nie dagewesen:  Nur Bambus und Brombeeren werden geschnitten, bodennah, damit keine gefährlichen Stummel herausragen.

So erscheint die darunterliegende Vegetation, kleine Bäumchen, Kräuter und Büsche bekommen Licht und können sich entfalten - anstatt vom Bagger zerrissen und zermanscht zu werden.


Äste mit üppigem Blattwerk vom Holm getrennt

die Holme nach alter sortiert

und die äste gleich verwendet

Nachsorge

Seitdem die Sonne den Boden wärmt, das Gras wächst, die Bäume sich mit Blättern einkleiden, sprießen die Bambussprossen. 2017.

Mit Schere und Messer entferne ich Stück für Stück, hunderte, tausende, täglich sprießen mehr. Mein bester Helfer, auf dem Bild zu sehen,  begleitet mich so oft wie möglich und schneidet unermüdlich mit ungebrochener Begeisterung und scharfem Auge.

Keine Pflanze übersteht diese Behandlung: wenn sie kein Sonnenlicht mehr umwandeln kann, weil ihr das Blattwerk fehlt, wird sie verhungern. Allmählich lässt die Kraft nach und es werden immer wieder weniger Sprossen gebildet, das Wurzelwerk wächst nicht weiter und stirbt ab.

Bis dahin müssen wir jedoch noch etliche 1000 Sprossen schneiden.

Das Verhalten der verschiedenen Bambusarten ist unterschiedlich. Während der Phyllostachys Bambusoides unglaubllich produktiv täglich hunderte von Sprossen über Nacht wieder nachwachsen lässt, ist der Nachwuchs der Bachania, die sonst so unglaublich produktiv und schnell war, anscheinend schon durch die radikale Abholzung so geschwächt, dass sie nur einzelne dicke Sprossen herausschiebt.

Aber wer weiß....

Eines ist jedenfalls sicher: Kein einziger Spross darf stehen bleiben. Das bedeutet ich muss geduldiger sein als der Bambus und täglich mehrere Stunden Bambussprossen schneiden, unermüdlich, bis die Wachstumsperiode im Winter vorüber ist.  Und im nächsten Jahr? Hoffentlich deutlich weniger !

 

Nun ist es November 2018 geworden. Im Frühjahr noch strebten viele Sprossen ins Licht. Der heiße, trockene Sommer half mir mit Sicherheit auch, so brauchten die Sprossen länger um nachzuwachsen und ließen mir somit mehr Zeit gründlich immer wieder Quadratmeter für Quadratmeter abzugehen und zu ent-sprossen.  Statt täglich reichte alle 2 Wochen.

 

Und während ich diese mir nicht geliebte Arbeit verrichtete, wächst in mir die Bewunderung für dieses Gewächs: Wirklich ein Wunder an Beharrlichkeit,  mit dem unverdrossenem Versuch einen Überlebensanker in die Sonne zu schicken, ein Tentakel, das gierig jeden Strahl aufsaugt, um das unterirdische System zu erhalten. Wenn ich nur einen Halm stehen lasse, entwickelt sich daraus wieder in 20 Jahren solch ein Wald.  

Welch großartiges Überlebensprinzip, welche Kraft  in dieser Pflanze steckt!

In den Jahren, wo ich sie wachsen ließ, konnte ich sie dort begrenzen, wo ich sie nicht haben wollte. Einfach im Frühjahr die Sprossen herausbrechen und somit den Bereich frei halten. Einmal reichte. Nun aber, wo der ganze große Wald, der Versorger des Rhizoms verschwunden ist, treibt jede Wurzel auch an der entferntesten Spitze, manchmal 4 - 5  Meter ausserhalb des ehemaligen Wäldchens.

Und dort, wo ich mit der Spitzhacke Wurzeln entfernte, sprießen nun um so mehr, geradezu büschelweise scheinen sie aus den verletzten Knospen zu wuchern.

Wo ich aber beharrlich die Sprossen schnitt, kommen immer wieder einzelne, immer kleinere, bis sie schließlich nicht mehr da sind. Große Flächen sind nun frei von Sprossen, die Wurzel verödet, vertrocknet. Aber noch für Jahre werden sie das abschüssige Gelände festhalten und vielen Pflanzen einen sicheren Halt bieten.

 

 

Welch ein Verlust für diese Region!

Wie unglaublich nützlich dieses Material ist, wie sehr diese Pflanze für die biologische Vielfalt sorgt und nicht - wie die landläufige Meinung - alles überwuchert, sieht man an dem kulturellen und biologischen Reichtum der Regionen, wo Bambus wächst.  Und auch dort in Europa, wo man nicht so schnell mit rechtlichen Mitteln eine Pflanze verfolgt und ausgrenzt, hat sich der Bambus schon in den Alltag eingebaut: Ob Zaun, Pflanzenstütze, Zeltkonstruktionen, man findet sie ganz selbstverständlich, weil sich dieses schöne, haltbare Material dazu geradezu anbietet.

Angepflanzt haben wir dieses Wundergras, um einen nachwachsenden Rohstoff zur Verfügung zu haben, der Jahr für Jahr geerntet werden kann und in seiner Vielseitigkeit seines Gleichen sucht.  

 

Angesichts der dramatischen Veränderungen unseres Lebensraumes wird ein solcher Überlebenskünstler wie der Bambus umso notwendiger!   Die Abwertung und Ausgrenzung für diese Pflanze ist  genauso groß und von Klischees geprägt, wie damals, als die Kartoffel nach Europa kam, und aus ebensolchem Grund: aus Unwissenheit!   

Wir sollten für mehr Wissen über diese Pflanze sorgen und nicht zögern sie großräumig anzupflanzen!!!